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Unbeschreibliche Vielfalt
Am Anfang die ketzerische Frage: Was ist eigentlich nicht Kultur? Der Kulturbegriff ist geradezu inflationär: Freizeitkultur, Unternehmenskultur, Esskultur, Hauptstadtkultur, Alltagskultur und Popkultur sowieso. In Deutschland hat sogar die Zahnbürste etwas mit Kultur zu tun, dann nämlich, wenn sie auf Reisen geht – im Kulturbeutel. Es ist also nicht alles Goethe, was glänzt. Obwohl Goethe trotz Literaturnobelpreisträgern wie Heinrich Böll oder Günter Grass noch immer Deutschlands liebster Dichter ist.
Eine kleine Zeitreise in Sachen Kultur: Anfang der 1970er Jahre hieß das Schlagwort "Kultur für alle" – ein mittlerweile legendäres Manifest von Hilmar Hoffmann, dem ehemaligen Präsidenten des Goethe-Instituts. Die so genannte Hochkultur sollte für möglichst viele zugänglich gemacht werden: Also all das, was sich in schillerschen und wagnerschen Sphären bewegt. In den achtziger und neunziger Jahren wurde dann aus "Kultur für alle" "Alles ist Kultur" – analog zum postmodernen anything goes.
Blaue Flecken auf grünen Hügeln
"Die Wirtschaft macht das, was ankommt, die Kultur das, worauf es ankommt", glaubte der deutsche Schauspiel- und Opernregisseur August Everding. Deutschland – wirklich die vielbeschworene Kulturnation? Fest steht: Die Vielfalt des kulturellen Angebots ist kaum zu überbieten. Und das hat vor allem einen Grund: den Föderalismus. Kultur ist in Deutschland Sache der Länder mit dem beeindruckenden Ergebnis von 240 subventionierten Theatern, Hunderten Sinfonieorchestern, Tausenden Museen und über 25.000 Bibliotheken. Angebote, die angenommen werden: Ein deutsches Nachrichtenmagazin hat zuletzt vom "Volkssport Kultur" geschrieben und den Beweis geführt, dass Beethoven und Beuys den Vergleich mit Beckenbauer und Becker nicht zu scheuen brauchen: Mehr als 91 Millionen Besucher gehen jedes Jahr in Museen, 20 Millionen in Theater und Opern, 3,6 Millionen in Konzerte der bedeutenden Orchester.
Und über Kultur wird gesprochen: während der Berlinale, der documenta in Kassel, den vielen Theatertreffen oder den Bayreuther Wagner-Festspielen, wenn sich die Wagner-Erben mal wieder medienwirksam streiten und am grünen Hügel blaue Flecken holen - verbaler Art natürlich. Womit sie dann eine ganz andere Form von Kultur beweisen: Streitkultur.
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