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Von der Fremde zum Zuhause

In den letzten drei Wochen habe ich an zwei Projekten eines internationalen Unternehmens teilgenommen. Meine Kolleginnen haben in vier Städten Interviews für die Marktforschung eines Projekts durchgeführt. Während ich als Dolmetscherin gearbeitet habe, habe ich das Gefühl bekommen, dass Deutschland für mich plötzlich weniger fremd ist. Im Vergleich zu jemandem, der gerade erst angekommen ist, hat Deutschland für mich schon etwas von einem “Zuhause” bekommen.

Eine unerwartete Arbeitschance

Es war an einem Tag im Februar, ich war noch in den Ferien bei einem Freund in der Schweiz. An diesem Tag stand ich sehr früh auf, weil ich ein Vorstellungsgespräch mit Lydia, die Managerin eines chinesischen Unternehmens hatte. Zwei Tage zuvor hatte mir eine Freundin, die in Deutschland studiert hatte, erzählt, dass die Firma von Lydia eine Dolmetscherin für zwei bis drei Wochen brauchte.

Ich habe Lydia eine Anfrage geschickt und habe mich über Wechat kurz vorgestellt, wer ich bin und was ich mache. Ganz ehrlich, ich habe mich zwar beworben, aber habe mir keine großen Hoffnungen auf den Job gemacht.

Um Kosten zu sparen, bevorzugen viele chinesische Unternehmen, die an Messen in Deutschland teilnehmen, Dolmetscher direkt in der Messestadt zu finden. Ich studiere in einer kleinen Stadt namens Germersheim. Da diese Stadt von Messestädten wie Düsseldorf, Berlin oder Hannover weiter entfernt liegt, ist es für mich eine Herausforderung, bei Messen in Deutschland als Dolmetscherin tätig zu sein. Auch das Finden anderer Aufträge gestaltet sich aufgrund von Reise- und Unterkunftskosten schwierig. Zusätzlich bin ich noch Studentin, weshalb viele Unternehmen zögert, mir ein höheres Honorar zu zahlen.

Jinmeng is ready for her first interview.
Jinmeng is ready for her first interview.© Jinmeng

Trotz dieser Schwierigkeiten, nach ein oder zwei Telefonaten und einem über einstündigen Vorstellungsgespräch, war es überraschend, dass ich tatsächlich die Gelegenheit bekam, als Dolmetscherin an diesem Projekt teilzunehmen.

Ich war noch nie so nah an Deutschland dran.

Im Rahmen unserer Arbeit hatten wir das Vergnügen, einige deutsche Familien in ihren eigenen vier Wänden zu besuchen. Dabei konnten wir feststellen, dass die Berufe der Teilnehmer sehr unterschiedlich waren: Ingenieure, Beamte, Lehrer, Arbeiter und viele mehr. Jedes Zuhause, die Art und Weise, wie die Menschen miteinander sprachen, und ihre individuellen Interessen wiesen feine Unterschiede auf.

Diese Unterschiede spiegelten sich auch in ihrem Alltag wider. Die Ingenieure zeigten sich als technikbegeisterte Menschen, die über ein breites technisches Wissen verfügten. Auch in ihrer Freizeit beschäftigten sie sich mit vielen technischen Aspekten und Projekten. Einige von ihnen hatten sogar ihr eigenes Smart Home mit verschiedenen Steckdosen und moderner Technik realisiert.

Die Beamten hingegen waren Experten für Steuern und Genehmigungen. Sie zeigten ein tiefes Verständnis für die Regeln und Vorschriften in diesen Bereichen und wirkten dadurch viel klarer und informierter als die anderen.

Dank dieser unterschiedlichen Hintergründe und Fachkenntnisse kamen in unseren Gesprächen eine große Bandbreite und Vielfalt an Themen zur Sprache. Dies führte zu anregenden Diskussionen und einem bereichernden Erfahrungsaustausch. Es war für uns eine wertvolle Gelegenheit, die verschiedenen Facetten der deutschen Kultur und Lebensweise kennen und schätzen zu lernen.

Another view out of the window in the middle of the day. The trees seen from above are in bloom in pink and white.
Another view out of the window in the middle of the day. The trees seen from above are in bloom in pink and white.© Jinmeng
The Eisbach in Munich, a surfer stands in a wetsuit with a surfboard under his arm and waits for his turn.
The Eisbach in Munich, a surfer stands in a wetsuit with a surfboard under his arm and waits for his turn.© Jinmeng
The view from the passenger seat of the car, Jinmeng is on her way to work.
The view from the passenger seat of the car, Jinmeng is on her way to work.© Jinmeng
The view of the city of Düsseldorf from above, in the background you can see the sunset.
The view of the city of Düsseldorf from above, in the background you can see the sunset.© Jinmeng

Trotz der ähnlichen täglichen Abläufe und Inhalte war ich aufgrund der ständig wechselnden Teilnehmer jeden Tag etwas nervös. Doch mit der Zeit gewann ich an Sicherheit: Am letzten Arbeitstag spürte ich deutlich, dass ich im Vergleich zu den ersten Tagen viel selbstbewusster geworden war, das Verstehen fiel mir leichter und das Übersetzen ins Chinesische verlief viel flüssiger. Erst als das letzte Interview zu Ende war, atmete ich tief durch und erkannte, wie sehr ich mich während dieser Zeit weiterentwickelt hatte. Als wir ihre Häuser betraten, in ihren Wohnzimmern saßen, ihren Gesprächen zuhörten und ihre Gefühle über das Leben vor Ort mit ihnen teilten, hatte ich nie zuvor das Gefühl, dem Leben der Deutschen so nahe zu sein.

Ich fühle mich wie zuhause.

Jinmeng

Die Kollegen, die ich begleitete, arbeiten seit Jahren in einem internationalen Umfeld und sprechen sehr gut Englisch, aber kein Deutsch. Deshalb fiel es ihnen manchmal schwer, sich in bestimmten Situationen zurechtzufinden, zum Beispiel in einem Dönerladen ohne englische Speisekarte oder beim Zugfahren, weil die Fahrkartenkontrolle anders abläuft als in China. In solchen Momenten wurde mir plötzlich bewusst, dass ich mich fast wie ein Einheimischer fühle. Dinge, die mir vorher fremd waren, wurden plötzlich zu einem ganz natürlichen Teil meines Lebens.

Diese Erkenntnis unterstreicht die wertvolle Chance, die ich durch das Leben und Studium in Deutschland in den letzten zwei bis drei Jahren erhalten habe. Obwohl ich Ausländerin bin, kenne ich bereits viele Regeln, nach denen die deutsche Gesellschaft funktioniert, und kann mein Wissen nutzen, um Neuankömmlingen wie meinen Kollegen zu helfen. Gleichzeitig wurde mir bewusst, dass ich nicht nur Deutsch und die deutsche Kultur gelernt habe, sondern auch die Fähigkeit, mich in unerwarteten oder dringenden Situationen anzupassen.

Die vielen wertvollen Erfahrungen, die ich während meiner Zeit in Deutschland gesammelt habe, halfen mir, mich in diesem Land besser zu integrieren. Jetzt kann ich dieses Wissen und diese Fähigkeiten nutzen, um anderen zu helfen, sich auch leichter an das Leben in Deutschland anzupassen. Natürlich war dieser Weg voller Spaß und Herausforderungen, aber ich denke, das ist genau der Prozess des Wachsens, der erfüllend ist und mich zu der selbstbewussten Person gemacht hat, die ich heute bin.

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